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Redaktionsbüro
Ingo Steinhaus
 
 
 

Cloud Computing: IT-Revolution für Krisenzeiten?

Cloud Computing war auf der Cebit 2009 ein heißes Thema. Die Wirtschaftskrise könnte der neuen Technologie zum Durchbruch verhelfen – sie soll kostengünstiger als herkömmliche Rechenzentren sein.

Die Diskussion über "Cloud Computing", die ortlose Datenverarbeitung via Internet, trägt alle Züge eines überdrehten IT-Hypes: Hohe Erwartungen und riesiger Medienrummel. Von einigen Experten werden die Anbieter von Cloud-Services als Krisengewinnler gesehen: Wenn die Unternehmen zur Kostensenkung auf eine eigene IT-Infrastruktur verzichten, können IT-Dienstleister gegen den Abwärtstrend neue Kunden gewinnen.

Potential scheint vorhanden zu sein, denn das Marktforschungsinstitut Gartner erwartet für dieses Marktsegment dieses Jahr ein Wachstum von 22 Prozent, was einem Anstieg von 6,6 Milliarden Dollar im Vorjahr auf 9,6 Milliarden Dollar entspricht. Das Wachstum soll weitergehen: bis zum Jahr 2013 auf 16 Milliarden Dollar Umsatz.

Doch die Unternehmensberatung McKinsey dämpft die Euphorie um Cloud Computing. Wegen der relativ hohen Preise für die Dienstleistung müssten Großunternehmen und Konzerne sogar mit höheren Kosten rechnen. Gut geeignet seien Cloud-Services lediglich für kleine und mittlere Unternehmen.

Die Widersprüchlichkeit der Analysen ist ein generelles Problem der ganzen Aufregung um Cloud Computing. Viele IT-Unternehmen, die B2B-Dienstleistungen via Internet anbieten, haben ihren Service in "Cloud Computing" umgetauft. Und so bedeutet Cloud Computing in Wirklichkeit mal "Storage as a Service" (Vermieten von Online-Speicherplatz), "Software as A Service" (Vermieten von Software) oder "Utility Computing" (Vermieten von Rechenzeit).

Rechnen in und mit der Cloud

Im Ausgleich zur Verschwommenheit des Konzepts wird von Cloud Computing Großes erwartet – nicht untypisch in der leicht durch Technik zu erregenden IT-Szene. Nichts weniger als eine industrielle Revolution sei die Folge dieser Technologie. Zumindest meint dies Daryl Plummer, Analyst beim IT-Beratungskonzern Gartner und oft zitierter "Evangelist" der neuen Technologie. Microsoft-Chef Ray Ozzie findet: "Wir sind in einer neuen Ära." Und Gerd Breiter, der Cloud-Experte von IBM, stellt fest: "Cloud Computing wird zu einer Industrialisierung des IT-Einsatzes führen."

In der Wirtschaft wird Cloud Computing intensiv diskutiert. In der Zukunftsvision der Cloud-Gurus ersetzt das Internet die gesamte lokale IT-Infrastruktur einer Firma. Die Anwender beziehen die nötige Speicherkapazität oder Anwendungssoftware aus dem Netz. Dabei bezahlen sie nur das, was sie auch wirklich einsetzen.

Die Idee dahinter wird oft mit den Versorgungsnetzen für Wasser und Strom verglichen. Bald sollen auch die Computerdienstleistungen aus einer Steckdose in der Wand kommen. Ein Zukunftsszenario für private Anwender könnte zum Beispiel so aussehen:

Wir verbinden uns morgens zum Frühstück mit einem leichten Endgerät im Stile der weit verbreiteten Netbooks via Funk mit dem Internet. Anschließend rufen wir die Nachrichten auf und informieren uns erst einmal. Dann kontrollieren wir die eingetroffene digitale Post, die für uns irgendwo im Internet aufgehoben wird und schreiben ein paar Antworten.

Vor dem Gang ins Büro basteln wir noch schnell mit dem Online-Präsentationsprogramm an dem Konzept für den Chef. Und weil die Zeit knapp wird, unterbrechen wir die Arbeit und machen im Vorortzug weiter, diesmal mit dem Smartphone. Im Büro starten wir dann den Firmenrechner und arbeiten auf dem dritten Gerät am gleichen Dokument weiter – ohne Zwischenspeichern und Abgleichen verschiedener Versionen.

Kostenreduktion in Unternehmen

Die Arbeit im Büro selbst unterscheidet sich nicht so stark vom Bekannten, doch unter der Haube sieht es schon ganz anders aus: Der Schreibtisch-PC ist eigentlich nur noch ein Gerät für den Internetzugriff. Keine Anwendung, kein Dokument ist lokal gespeichert.

Wer einen Dienst in der Cloud nutzt, lagert seine Daten auf einem gemieteten Speicherplatz im Internet, den man mit einem einfachen Webbrowser ansteuern und nutzen kann. Auch Anwendungen wie Schreibprogramme, Bildbearbeitungen, Kalender oder Datenbanken befinden sich im Netz.

Daryl Plummer: "IT kommt als Service. Ich muss nur noch wissen, was der Service bewerkstelligt, nicht mehr, wie er ein bestimmtes Ergebnis produziert. Der Anwender wird viel freier als heute." Auf Anwenderseite hat das zwei wichtige Vorteile: Erstens sind die Daten immer verfügbar, mit verschiedenen Geräten und an unterschiedlichen Orten. Zweitens sind die Daten deutlich sicherer im Vergleich zur Sicherheit in Privathaushalten und kleinen Firmen.

Für die Wirtschaft bedeutet Cloud Computing eine deutliche Kostenreduktion. Im IT-Betrieb sind mehr als drei Viertel der Arbeit Routineaufgaben wie Benutzerverwaltung, die Installation von Software und das Kontrollieren von Hardware. Bereits jetzt mühen sich die IT-Leiter, die Kosten durch geschicktes Auslagern bestimmter Bereiche zu senken. Cloud Computing geht einen Schritt weiter und läuft auf das Outsourcing der gesamten IT hinaus.

Die "Evangelisten" der Cloud wie Daryl Plummer vergleichen die Situation der Unternehmen hinsichtlich ihrer IT gerne mit der ihrer Vorläufer im frühen 20. Jahrhundert bei Strom. Damals war es für einen Produktionsbetrieb vollkommen normal, ein eigenes Kraftwerk zu besitzen. Das war nicht nur recht teuer, es führte auch zu Kapazitätsproblemen. Eine Produktionsausweitung erforderte oft ein neues Kraftwerk. Sobald es eine zuverlässige Technik zur verlustarmen Stromübertragung gab, gingen alle Firmen ans Netz.

So sieht es auch das Cloud-Szenario vor: Irgendwann werden Computerdienste komplett über das Netz übertragen und nach Verbrauch abgerechnet. Doch genau das Unverbindliche in diesen Aussagen ist das Problem für Skeptiker wie Jan Wildeboer, IT-Experte des Linux-Anbieters Red Hat. Er hält Cloud Computing für "Buzzword-Bingo". Es gehe schlicht um Computerdienste zum Mieten (Utility Computing).

Ungenutzte Rechenkraft verkaufen

Für diese nüchterne Sicht der Dinge spricht einiges. So verkauft Amazon überzählige Rechenzeit und hat dafür einen griffigen Namen gefunden: "Amazon Elastic Compute Cloud (EC2)". Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass die hochverfügbaren, rasanten und teuren Serverfarmen des Versandhändlers nur ausnahmsweise – zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit – voll ausgenutzt werden.

Da lag es für einen Geschäftsmann wie Amazon-Gründer Jeff Bezos nahe, die nicht genutzte Rechenzeit einfach zu verkaufen. Allerdings: Wer IT noch unter dem Namen EDV kennt, findet daran nichts Neues. Bereits die Rechenzentren der 1970er Jahre verkauften Computerdienste. Neu ist lediglich die zeitgemäße Technik, die modernste Verfahren der Informatik nutzt.

Die Amazon-Cloud bietet Rechenkraft, Speicherplatz, Datenbanksysteme, Suchfunktionen und eine Programmierschnittstelle für Anwendungen. Einer der ersten Nutzer war die New York Times, deren Archiv aus elf Millionen Artikeln innerhalb von 24 Stunden in Internetfähige Dateien verwandelt wurde. Ohne Cloud hätte der Verlag zusätzliche Hardware kaufen müssen.

Eine solche Aufgabe ist wie geschaffen für die großen Computergrids von Amazon, die durch das Zusammenschalten von handelsüblichen Rechnern eine enorme Leistung und Arbeitsgeschwindigkeit erzeugen. Die Bezeichnung als Wolke weist darauf hin, dass die Rechenleistung nicht aus einem bestimmten Gerät kommt, sondern von Fall zu Fall (elastisch) zusammengestellt wird.

Auch andere IT-Konzerne sind in der Wolke aktiv. IBM bietet unter dem Namen "Blue Cloud" Produkte und Services an, die in erster Linie auf die Betreiber großer Rechenzentren zielen. Einen anderen Ansatz nutzt Salesforce.com. Der Spezialist für Kundenmanagement-Software bietet "Software as a Service (SaaS)", was oft auch zu Cloud Computing gerechnet wird. Die Salesforce-Programme werden nicht lokal installiert, sondern nur über das Internet abgerufen.

Auch Microsoft tummelt sich in diesem Markt und propagiert die "Azure Services Platform". In dieser Infrastruktur will Microsoft alle MS-Dienste zum Datenaustausch zusammenführen. Dabei setzt Microsoft zunächst auf eine Online-Erweiterung seines Office-Pakets und will erst später reine Cloud-Services vertreiben. Office-Nutzer kennen das unter der Bezeichnung "Windows Live": Dort gibt es zahlreiche Webdienste, unter anderem den Webzugriff auf Office-Dokumente.

Ein weiterer großer Anbieter ist Google, der mit "Google Docs" ein nur über das Web verfügbares (und bislang kostenloses) Office anbietet. Es besteht aus einer jeweils auf Basisfunktionen abgespeckten Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsanwendung. In Zukunft sollen alle Google-Anwendungen als teamfähiges und abgesichertes Cloud-Paket an Unternehmenskunden vermietet werden.

Cloud-Services mit Sicherheitsproblemen

An Google lässt sich allerdings auch die Gefahr des Rechnens mit der Wolke zeigen: Aufgrund eines technischen Fehlers waren im Februar 2009 die privaten Dokumente einzelner Google-Nutzer völlig frei für jeden im Internet sichtbar. Dies zeigt, dass alle Anwender die Warnung von Richard Stallmann, dem Vorsitzenden der Free Software Foundation bedenken sollten: "Die Benutzer verlieren bei Cloud Computing die Kontrolle über ihre Daten. Sie sollten sie auf dem eigenen Rechner lassen."

Tatsächlich gibt es bei den Wolkendiensten viele offene Fragen. Denn es gibt ja nicht nur die potentiellen Sicherheitsprobleme beim Cloud-Dienstleister. Der Nutzer wird von einer bestimmten Plattform abhängig, da ein Wechsel des Cloud-Anbieters einem Neuaufbau der IT entspricht. Außerdem können auch IT-Dienste pleite gehen. Wer sorgt dann für den Rechnerbetrieb?

Für die meisten Unternehmen dürfte ohnehin kein totaler Umstieg auf Cloud Computing finanzierbar sein. Denn dafür müssten alle unternehmensspezifischen Anwendungen und Daten unter hohen Kosten für die Cloud verfügbar gemacht werden – eine unglaubwürdige Annahme. Bereits der vor gut 15 Jahren verkündete "Tod des Großrechners" fiel aus. Im Gegenteil, die Anbieter wie IBM erschließen für ihre quicklebendigen Saurier immer neue Kundenkreise. So wird es auch dem Classic Computing gehen – der PC bleibt uns noch lange erhalten.