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Redaktionsbüro
Ingo Steinhaus
 
 
 

Geburt einer Lichtgestalt

"Das verkauft sich bestimmt. Es ist gut geschrieben und ziemlich lustig." Hannah sitzt in meiner Küche und rührt in ihrem Kaffee. Die Bibliothekarin hat das, was man einen guten Riecher nennt. Sie kennt ihre Klientel, und sie kennt das kulturbeflissene Publikum, das die Lesungen in dem nüchternen Zweckbau an der Hauptstrasse besucht. Deshalb hat sie sofort mit dem Verlag eine Lesung vereinbart; sofort, nachdem sie das Vorabexemplar gelesen hatte. Das war noch, bevor es plötzlich alle gelesen haben. Sie sitzt in der Küche, rührt und schwärmt von dem Buch. "Für deutsche Verhältnisse ist das wirklich intelligent amüsant." Mir sagt der Name nichts. Und der Humboldt-Foliant im Jahr davor hat ja eigentlich auch gereicht; mir jedenfalls.

Der Verlag sieht das allerdings anders, er baut Daniel Kehlmann als Großautoren auf. Der Vorgängerroman war ein Erfolg und nun druckt Rowohlt direkt 30.000 Exemplare des neuen Werks. Für deutsche Verhältnisse ist das ein Bestseller, in diesem Fall sogar ein geplanter. Doch das funktioniert nicht immer. Eigentlich übersteigt bei diesem Spiel die Zahl der Flops die der Erfolge. Es sind einfach zu viele Variablen im Spiel: Das Buch muss gut sein. Die Literaturkritik muss es loben. Es muss in Stapeln in den Eingangsbereichen aller großen Buchketten stehen. Es muss in den Regalen der Sortimeter stehen. Die Leute müssen es kaufen, lesen und mögen. Sie müssen es weiterempfehlen oder verschenken.

Diesmal wird alles gut: Als die Literaturkitik das Buch entdeckt, beginnt der Hype. Als Elke Heidenreich es in ihrem literarischen Monett vorstellt, beginnt die Hysterie. Die Erstauflage wird von einem Käufertornado verschlungen. Die Buchtürme der weiteren Auflagen schrumpfen und schrumpfen. Schnell steht es an erster Stelle der Bestsellerliste. So wird es für eine erstaunlich lange Zeit bleiben. Das ganze Jahr 2006 ist der Roman auf den ersten Plätzen, die meiste Zeit sogar an der Spitze. Auch 2007 geht der Erfolg weiter und erst im Frühsommer sackt das Buch langsam ab, um dann im September aus den Top 10 zu verschwinden. Längst ist die erste Auflagenmillion überschritten – Spötter vermuten, jeder bekennende Leser habe von der um Geschenke verlegenen Verwandtschaft wenigstens zwei Exemplare bekommen.

In das anfangs einhellige Lob der Literaturkritik mischen sich übrigens nach einiger Zeit die ersten "Überschätzt"-Rufe. Denn ein solcher Erfolgswirbelsturm ist gar nicht im Plan vorgesehen. Als die Rezensionsexemplare an die Kritiker gehen, ist alles für die Wiederholung des halbjährlichen Rituals vorbereitet: Gewöhnlich wird zu jeder der beiden Buchmessen irgendein aktuelles, vom Verlag besonders intensiv beworbenes Buch zur Rettung der deutschen Gegenwartsliteratur ausgerufen – im Frühjahr 2005 "Der Eisvogel" von Uwe Tellkamp. Nun hat das als sperrig und anstrengend geltende Buch die Produktion literarischer Ernsthaftigkeit für das Jahr bereits übererfüllt. Im Herbst soll es etwas Vergnügliches und leicht zu Lesendes sein. Also ist diesmal die Reihe an Daniel Kehlmann.

Doch irgendetwas läuft bei diesem Buch anders als bei den üblichen Literaturhypes. Die hymnischen Rezensionen können es nicht gewesen sein – auch andere Bücher werden mit dem kritischen Kleingeld von "großer Wurf" über "genialisch" bis "intellektuell überbordend" überschüttet. Nach meiner Erfahrung als Leser stimmt die Begeisterung der Kritiker weder mit dem Publikumserfolg noch mit der tatsächlichen literarischen Qualität überein.  Auch das Lob von Elke Heidenreich ist keinesfalls ein Garant für Erfolg. Da sie meist eher Ohrensesselliteratur empfiehlt, hätte ein Roman über zwei Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts auch schlicht an den Bedürfnissen der Zuschauer vorbeigehen können. Was also hat das Buch zu einem "klugen, unterhaltsamen, flüssig erzählten Buch" (SZ),  zum "handwerklich nahezu perfekten Roman" (FAZ) und damit zu "einem der erfolgreichsten Romane der Nachkriegszeit" (FAZ) gemacht?

Hilfreich ist da ein Blick in die Jahresbestsellerlisten, die immer wieder verblüffen. Warum ist eine schwartendicke Kreuzung aus Bio-Lehrbuch und Katastrophenfilm so erfolgreich? Warum landet ein schrulliger Schafskrimi auf dem dritten Platz? Warum wird der in einem Kleinverlag veröffentlichte Krimi einer Debütantin ohne Hilfe der Kritik zu einem alles sprengenden Megaerfolg? Und warum passiert dies dem Nachfolger ebenso? Wenn ich diese Fragen präzise beantworten könnte, würde ich als Autor oder Verleger Millionen scheffeln und müsste nicht für Büchergutscheine um die Wette schreiben.

Doch eines läßt sich sagen: Das Publikum wünscht sich durchaus anspruchsvolle Bücher. Unter den Bestsellern der letzten Jahre findet sich ein kleiner, aber merklicher Anteil gehobener Belletristik: Neben Kehlmann auch Julia Franck, Ingo Schulze oder Katharina Hacker. Meine Vermutung: Eine bestimmte Art von anspruchsvollen Büchern wird durch schlichte Mundpropaganda in die Bestsellerliste gehoben – auch wenn es nicht immer für Platz Eins reicht.

Dieses System der gegenseitigen Empfehlungen protegiert aber nur eine bestimmte Art von Büchern. Im Bekanntenkreis empfiehlt man nur ungern überschwierige Romane, sondern lieber Werke mit erzählerischem Elan und klar erkennbarer Geschichte. So pendeln sich die Tipps der Leser untereinander, aber auch die Tipps der Buchhändler an die bekannt starken Käufer schnell auf bestimmte Bücher ein: Süffig erzählt, mit nachvollziehbaren, aber nicht zu normalen Protagonisten und einem erkennbaren Bildungsanspruch.

Diese Art des Informationsaustauschs über Empfehlungen erklärt auch die stattliche Reihe der Bestseller aus der Sendung von Elke Heidenreich. Nur auf den ersten Blick ist Elke Heidenreich die deutsche Oprah Winfrey.  Nein, der Ganz Ganz Große Glamour™ hat in Deutschland keine Heimat. Statt dessen zählen hier einfache Werte wie zum Beispiel Glaubwürdigkeit. Elke Heidenreich verkörpert die Erfahrung der professionellen Vielleserin mit beinahe hoheitsvoller Autorität, mit jeder Faser ihres Körpers. Perfekt kultiviert sie den Habitus der Leseelke, die ihren netten Bekannten von der anderen Seite des Schirms mal schnell dieses unglaublich tolle Buch empfiehlt.

So entstehen Erfolge, denen die Literaturkritiker nur hinterher hecheln können. Die Standardreaktion ist jetzt das Runterschreiben, also eine Reaktion vom Typ "Eine genauere Lektüre deckt eklatante Mängel auf". Einige Kritiker ringen sich halbherzig wirkende Einreden ab und finden das Buch "eher langweilig". Mehr gelingt in diesem Fall nicht, denn offensichtlich ist das Buch wirklich gut. Die ersten Mäkeleien platzen wie Seifenblasen. Weder sinken die Verkäufe, noch springt eine wahrnehmbar große Zahl von Kritikern auf den Zug des Kehlmann-Bashing. Also greift die Kritik zu Plan B, dem Strategem "Ist der Gegner unbesiegbar, verbünde dich mit ihm".

Es folgt nun die Verwandlung der "größten Begabung der jüngeren deutschen Literatur" (SZ) in den "reifsten deutschsprachigen Autoren nicht nur seiner Generation" (Laudatio zum Kleistpreis). Fürderhin wird er nur noch als Lichtgestalt, ja als Prophet Daniel der allerschönsten Literatur angesprochen. Und so gerät der Autor mit seinem "5." (die SZ im September 2005), nein "7." (im März 2006), halt, doch "6." (die FAZ bereits im Januar 2006) Buch unter "Genieverdacht" (SZ) und wird schließlich von Helmut Karaseck anlässlich der Verleihung des Welt-Literaturpreises seiner verdienten "Verkürbissung" (Seneca) zugeführt:

Der sanfte Berserker, der philosophisch beschlagene und mit allen Wassern der Ironie gewaschene Erzähler, ein Genie erzählerischer Geometrie und Arithmetik, der die Trigonometrie erzählerischer Falltüren, verwirrender Spiegelkabinette, optischer Täuschungen und zum Ziel führender Irrwege geradezu mit halsbrecherischer Sicherheit beherrscht, ist, was den Erfolg anbelangt, nicht nur der Mann der Stunde, sondern der atemberaubende Türöffner zu einer neuen Erzählepoche.

"Ob Kehlmann vor 10 Jahren geahnt hat, was ihn heute erwartet?", fragt sich da der schon etwas erschöpft klingende Laudator des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung.  Ich vermute einfach mal: Wohl kaum. Kopfschüttelnd sage ich Hannah, die heute wieder in meiner Küche sitzt und Spaghetti auf die Gabel dreht: "Ich lese das Ding erst, sobald ich einen richtig fetten Verriss entdecke."

(Titel-Magazin 2008)